[1] "Ganz Deutschland fährt Bahn. So fühlte sich das im Sommer 2022 zumindest an, als das 9-Euro-Ticket für drei Monate für überfüllte Züge sorgte. Die Bundesregierung und viele Menschen zeigten sich begeistert: So leicht war es also, Bürgerinnen und Bürger für die umweltfreundlichen öffentlichen Verkehrsmittel zu begeistern, man muss nur ein günstiges Ticket für ganz Deutschland anbieten."
[2] "Aber als die Bundesregierung den Nachfolger vorstellte, waren viele enttäuscht. 49 Euro monatlich kostet das Deutschlandticket und ist nur im Abo erhältlich. Euphorisch war nur noch die Bundesregierung. Doch jetzt, ein Jahr nach dem Start, kann man sagen: zu Recht. Zumindest, was die Fahrgastzahlen angeht."
[3] "Zwar hat fast jeder zweite das 49-Euro-Ticket schon mindestens einmal gekündigt (PDF). Aber im Schnitt haben jeden Monat 11,2 Millionen Menschen eins. Die Aboquote im ÖPNV hat sich laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) um 50 Prozent erhöht (PDF). Bei einer Befragung gab jeder Vierte an, dass er diese Bus- oder Bahnfahrt ohne ein Deutschlandticket nicht gemacht hätte."
[4] "Dieser Zuspruch zeigt sich in den Fahrgastzahlen. Die nähern sich denen aus dem 9-Euro-Sommer an, zumindest was Fahrten über 30 Kilometer angeht. Das zeigen Daten, die die Firma Teralytics für ZEIT ONLINE ausgewertet hat. Teralytics nutzt Mobilfunkdaten des Konzerns Telefónica, zu dem unter anderem O2 gehört. Anhand der Geschwindigkeit, mit der sich die Handys zwischen Funkzellen bewegen, kann Teralytics das genutzte Verkehrsmittel zuordnen."
[5] "Allerdings zeigen die Daten nur Zugfahrten mit mehr als 30 Kilometern, da die Zuordnung erst dann verlässlich ist. Bus- oder U-Bahn-Fahrten sind also nicht erfasst. Fahrten mit dem ICE oder IC, die mit dem Deutschlandticket nicht möglich sind, sind dagegen enthalten."
[6] "Der Anstieg der Fahrten ab Einführung des 49-Euro-Tickets und die Parallelen zur Entwicklung beim 9-Euro-Ticket sprechen jedoch dafür, dass auch jetzt wieder viele der neuen Fahrten auf Regionalbahnen zurückzuführen sind. Passend dazu meldet die DB Regio 28 Prozent mehr Fahrgäste. Die Hälfte der Fahrten seien dabei privat veranlasst. Das zeigt: Das 49-Euro-Ticket wird bei Weitem nicht nur in der Freizeit genutzt."
[7] "Und auch Nahverkehrsunternehmen berichten, dass die Fahrgastzahlen, die während Corona eingebrochen waren, fast wieder das alte Niveau erreicht haben und an den Wochenenden sogar überschreiten. Wer ein Deutschlandticket erwirbt, legt laut VDV im Anschluss monatlich im Schnitt 16 Kilometer mehr mit dem ÖPNV zurück als zuvor."
[8] "Das neue Angebot hat es also geschafft, den Nahverkehr deutlich beliebter zu machen. Aber trägt es auch zur Verkehrswende bei? Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) sagte vergangene Woche, dass das Ticket einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leiste."
[9] "Doch dafür ist nicht entscheidend, ob die Menschen mehr Bus und Bahn fahren, sondern ob das Auto häufiger stehen bleibt. Befragungen deuten darauf hin. Laut einer Umfrage des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung, die ZEIT ONLINE vor Veröffentlichung einsehen konnte, ist nicht nur der Anteil der Wege, die mit dem ÖPNV zurückgelegt werden, bei den Deutschlandticket-Inhabern um neun Prozentpunkte gestiegen, sondern auch die Autonutzung um fünf Prozentpunkte zurückgegangen. Und laut der aktuellen VDV-Befragung wird das Auto 16 Prozent seltener genutzt."
[10] "In den Teralytics-Daten, die auch Autofahrten über 30 Kilometern erfassen, lässt sich das jedoch nicht erkennen. Sie haben im vergangenen Jahr sogar zugenommen."
[11] "Und Daten, die der Navigationsanbieter TomTom für ZEIT ONLINE ausgewertet hat, zeigen, dass auch der Stau in den Städten unaufhörlich schlimmer wird."
[12] "Wie kann das sein? Eine Erklärung wäre, dass der Autoverkehr auch unabhängig vom Deutschlandticket zunimmt. Dass also die, die kein Ticket haben, mehr Auto fahren. Etwa, weil Unternehmen ihre Mitarbeitenden wieder öfter ins Büro holen und wieder mehr Dienst- und Urlaubsreisen stattfinden als während der Pandemie. Es könnte aber auch sein, dass das, was Befragte in Umfragen angeben, nicht immer der Realität entspricht. Dass Menschen überschätzen, wie sehr das Ticket ihre Autofahrten reduziert hat. Oder sie geben die Antwort, die gesellschaftlich erwünscht ist: Na klar reduziere ich meine Autofahrten."
[13] "Ganz Deutschland fährt Bahn. So fühlte sich das im Sommer 2022 zumindest an, als das 9-Euro-Ticket für drei Monate für überfüllte Züge sorgte. Die Bundesregierung und viele Menschen zeigten sich begeistert: So leicht war es also, Bürgerinnen und Bürger für die umweltfreundlichen öffentlichen Verkehrsmittel zu begeistern, man muss nur ein günstiges Ticket für ganz Deutschland anbieten."
[14] "Aber als die Bundesregierung den Nachfolger vorstellte, waren viele enttäuscht. 49 Euro monatlich kostet das Deutschlandticket und ist nur im Abo erhältlich. Euphorisch war nur noch die Bundesregierung. Doch jetzt, ein Jahr nach dem Start, kann man sagen: zu Recht. Zumindest, was die Fahrgastzahlen angeht."